Arte predigt digitale Souveränität, nutzt aber Big Tech – Warum der Sender im Fediverse sein sollte
Content warning: Arte produziert Dokumentationen über die Abhängigkeit Europas von US-Big-Tech-Konzernen – doch auf welchen Plattformen ist der Sender selbst aktiv? Ein offener Brief an Arte und die Antwort des Social-Media-Teams zeigen: Die Lücke zwischen Botschaft und P
Am 04. März 2026 hatte ich die Dokumentation Wo bleibt das europäische Google oder Facebook? auf Arte gesehen.
Die Doku behandelt die Abhängigkeit Europas von US Big Tech Firmen, Google, Meta, Amazon, X und Microsoft und wirft die Frage auf was passiert, wenn das alles auf einmal wegfällt. Denn es gibt wachsenden politischen Druck der Trump-Regierung und der Big-Tech Bosse, denen die EU-Digitalgesetze gegen Hass und Desinformation ein Dorn im Auge sind.
Daraufhin habe ich geschaut, auf welchen Sozialen Netzwerke Arte selber aktiv ist und war nicht gross überrascht, dass sich die Präsenz von Arte auf die üblichen Verdächtigen beschränkt. Im Footer der Webseite von Arte finden sich die Links zu den Social Media Kanälen von Facebook, Instagram, YouTube, Twitter, Twitch und TikTok.Screenshot vom Footer der Arte Webseite mit den Social Media Links
Dies habe ich zum Anlass genommen, Arte über das Kontaktformular eine Nachricht zu schreiben und darauf hingewiesen, dass eine Präsenz im Fediverse sinnvoll sein könnte.
Meine Nachricht an Arte
Guten TagErstmal möchte ich Arte ein Kompliment machen für die vielen interessanten und unterhaltsamen Inhalte, die auf der Plattform angeboten werden.
Gerade habe ich mir das Video «Wo bleibt das europäische Google oder Facebook?» angeschaut und finde es toll, dass Sie ein solches Format anbieten. Es ist brandaktuell und auch super wichtig, dass die Zuschauer über dieses Thema informiert werden.
Selber bin ich seit 2021 aktiv im Fediverse unterwegs und habe mich dann auf Ihrer Webseite ein wenig umgeschaut. Leider kann ich keinen Link zu einem Fediverse Account finden, auf dem Arte aktiv ist. Das ist sehr schade und die ganzen Profile auf den BigTech-Plattformen stimmen mich doch nachdenklich – erst recht, wenn ich die geopolitische Entwicklung der letzten Zeit in Betracht ziehe.
Mir ist klar, dass Reichweite für ein Medium wie Arte ein zentrales Thema ist. Was aber gibt es zu verlieren, wenn Arte zusätzlich ein Fediverse Account betreibt?
Das Fediverse wächst stetig und Medien wie Arte können eben auch dazu beitragen, dass die Abhängigkeit von US-Unternehmen kleiner, und die digitale Souveränität Europas damit grösser wird. ZDF zb. hat ein Mastodon Profil – neben den Profilen auf den bekannten grossen Plattformen. Ein X-Profil kann ich auf der Webseite von ZDF keines mehr finden, was mich ehrlich gesagt stark beeindruckt hat. Solche Entscheidungen sind wegweisend und fördern den Umstieg von unbedachten Internetnutzern ebenso, wie die Ausstrahlung von Dokumentationen, wie die von Ihnen gezeigte, die ich oben erwähnt hatte.
Ich möchte Sie und ihre Social-Media Abteilung bitten sich zu überlegen, auch im Fediverse einen Account anzulegen und dort aktiv zu werden – natürlich mit einem entsprechenden Link auf ihrer Webseite. Zu verlieren gibt es da nichts. Im Gegenteil.
Falls Sie mich kontaktieren möchten, können Sie das gerne über @thom@swiss.social, über Threema https://threema.id/7XM4B2HZ, über XMPP @thom@chat.notraxx.ch oder per Mail machen.
Für Ihre Zeit und Ihr Engagement möchte ich Ihnen danken.
Freundliche Grüsse
Digitale Souveränität im Alltag
Der Begriff „digitale Souveränität» klingt oft abstrakt, bedeutet im Alltag von öffentlich-rechtlichen Sendern jedoch ganz konkrete Dinge: Es geht darum, wer die Regeln des Spiels bestimmt. Auf Plattformen wie X oder Meta unterliegen Inhalte bestimmten Algorithmen, die Sichtbarkeit von Beiträgen oft nach kommerziellen Interessen oder politischen Vorgaben der jeweiligen US-Regierung steuern – ein Risiko, das gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen real und nicht zu unterschätzen ist.
Im Fediverse hingegen entscheidet die Community über die Regeln, und die Daten bleiben dezentral gespeichert. Für Arte als öffentlich-rechtlicher Sender wäre ein eigener Account im Fediverse daher nicht nur ein technischer Schritt, sondern ein klares Bekenntnis: Die Unabhängigkeit der Berichterstattung und die Kontrolle über die eigene Infrastruktur dürfen nicht von der Laune eines Silicon Valley-Konzerns abhängen…
Arte schreibt dazu
Heute habe ich die Antwort von Arte erhalten, und die möchte ich gerne mit Euch teilen:
Guten Tag,vielen Dank für Ihr Interesse am Europäischen Kulturkanal ARTE.
Sie möchte, dass der Sender ARTE im FEDIVERSE-Netzwerk vertreten ist.
Als Social-Media-Team müssen wir ständig beobachten und beurteilen, auf welchen Plattformen wir aktiv sein wollen und können. Wir haben beispielsweise entschieden, auf X nicht mehr proaktiv zu posten.
Aber dass eben auch unsere Kapazitäten begrenzt sind und wir deswegen auch schauen müssen, dass wir unsere Aktivitäten dort bündeln, wo wir möglichst viele Menschen erreichen. Und momentan sehen wir das auf Mastodon leider nicht gegeben. Das kann sich in Zukunft aber durchaus ändern.
Für weitere Informationen zu unserem Programm stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
Herzliche Grüße
Das Henne – Ei Phänomen
Die Rückmeldung des Social-Media-Teams wirkt auf den ersten Blick vernünftig: begrenzte Ressourcen erfordern Priorisierung, und Reichweite ist für einen öffentlich-rechtlichen Sender ein legitimes Kriterium. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein klassisches Henne-Ei-Problem.
Institutionen wie Arte warten auf Reichweite, bevor sie investieren – aber ohne institutionelle Präsenz wächst die Reichweite des Fediverse zögerlicher, als das möglich wäre. Das Argument «wir schauen, wo wir die meisten Menschen erreichen» ignoriert, dass jede neue Institution, die dazukommt, die Plattform selbst attraktiver macht. Es ist weniger eine Frage der Kapazitäten als vielmehr der Prioritätensetzung: Wenn digitale Souveränität wirklich so wichtig ist, wie die eigene Dokumentation suggeriert, müsste Arte bereit sein, hier Vorreiter zu sein – nicht nur Mitläufer.
Was meinst Du?
Falls sich hier unter uns noch weitere Personen finden, die es ebenfalls begrüssen würden, wenn Arte sich auch im Fediverse aktiv mit einbringt, wäre sicherlich jetzt ein guter Zeitpunkt, weitere Anschreiben zu verfassen: https://faq.arte.tv/hc/de/requests/new?lang=de
Vielleicht lässt sich der Publikumsservice ja doch dazu bringen, die passive Haltung dem Fediverse gegenüber zu überdenken und die Kontrolle über die Eigenen Inhalte selber in die Hand zu nehmen?
Wo bleibt das europäische Google oder Facebook? - Die ganze Doku | ARTE
Wir Europäer nutzen alle die gleichen Apps, von immer den gleichen Firmen: den Big Tech-Unternehmen wie Google, Amazon, Meta, Microsoft oder X. Alle sind US-Unternehmen.ARTE